Weinheimer Nachrichten vom 24.02.2007

Minigolf-Image schwankt zwischen Kult und Biederkeit

Seit kurzem erlebt der Sport wieder ein kleines Hoch, und in Großstädten entwickeln sich entsprechende Clubs sogar zu Szene-Treffpunkten

(dpa) Die Holzlaube am Eingang der Minigolfanlage wirkt verstaubt und etwas brüchig. Eine ältere Dame hinter dem Tresen verkauft Süßigkeiten, belegte Brötchen und Cafe´ - Latte Macchiato immerhin. Viele Anhänger der kleinen Schwester des "großen" Golfs lieben ihre Anlage genau so, weil es sich anfühlt wie ein Ausflug in die Kindheit: 60er-Jahre-Lampen, Gartentische mit Wachstischdecken, dazu ein Capri-Eis am Stil. Eine 18-Loch-Runde ist auch heute oft noch für unter drei Euro zu haben und damit eine ideale Freizeitbeschäftigung für Familien mit knappem Budget. Nach einem Popularitätsseinbruch in den 80er Jahren wächst die Zahl der Anhänger heute wieder. "Eine Zeit lang gab es einfach zu viele aufregende Alternativen - Bungee-Springen und Mountainbiking waren plötzlich angesagt", erläutert Michaela Mohr vom Deutschen Minigolfsport Verband (DMV) in Bamberg. Jetzt gebe es wieder mehr Anmeldungen: "Die Menschen haben weniger Geld zur Verfügung, Urlaub ist für viele nicht drin. Da fragt man sich wieder, was man selbst früher als Kind gemacht hat." Als Freizeitsport sei Minigolf sogar populärer als Fußball.


Minigolf gewinnt wieder an Beliebtheit - auch unter jungen Menschen. Bild: dpa


Die Verbände lassen nichts unversucht, neue Zielgruppen für das Spiel zu begeistern. Im DMV sind aktuell rund 11000 Mitglieder in über 300 Vereinen organisiert. Der österreichische Bahnengolfverband (Askö Wien) lockt Singles mit der Aktion "Flirt, Party & Play - Minigolf & More" und bietet DJ und Chill-out-Bereich. Eine Hamburger Anlage bietet Nacht-Turniere bei romantisch gedämpftem Licht. "Klar, dass es dabei auch ums Anbaggern geht", sagt Pächterin Sabine Biermann lachend. Bei ihren Veranstaltungen mit Cocktails und Grillspezialitäten hätte sich am Rande schon die eine oder andere Beziehung entwickelt.
Wohl kaum jemand, der nicht schon einmal schier verzweifelt wäre an Hindernissen wie "Blitz", "Vulkan", "Niere" oder "Labyrinth". Miterfinder war der Hamburger Sieghardt Quitsch. Der 74-Jährige, der auch die deutsche Senioren-Nationalmannschaft trainierte, gilt als "Vater" des Minigolfs in Deutschland. Vor 50 Jahren entwarf der angehende Gebrauchsgrafiker mit einem Team das Urmodell der bis heute genormten international verbreiteten Miniaturgolfbahnen.
Quitsch: "Dann ging es Schlag auf Schlag. Jede Woche entstanden in Deutschland fünf bis zehn neue Bahnen", erinnert er sich. Heute gibt es bundesweit mehr als 1500 Anlagen. Bereits 1956 wurden nach DMV-Angaben die ersten Deutschen Meisterschaften ausgetragen.
Versuche, das Spiel zum Kult und als Retro-Trend aufzupeppen, gibt es immer wieder. So eröffneten Berliner Werber den nach eigenen Angaben ersten deutschen Freestyle-Minigolf-Club eine Bahn mit Strandbar-Ambiente. Eine Art Afterwork-Party mit Latte Macchiato, sommerlichen Cocktails und Sandwiches an der Bar, dazu HipHop aus den Boxen. Statt eines Metall-Loopings wurden Bäume, eine Jeans oder Autoreifen zum Hindernis im Parcours. Doch schon bald blieben die Liegestühle im aufgeschütteten Sand leer. "Wir spielten nur einen Sommer", hieß es von den Betreibern. Möglicherweise lag es am Wetter, vielleicht war aber auch die Kluft zwischen dem "Golf des kleinen Mannes" und Szenegängern oder erfolgreichen Managern zu groß .
Dass Minigolf zur verhängnisvollen Leidenschaft werden kann, beweist Sieghardt Quitsch. Die erste Ehe des 74-Jährigen wurde wegen "nicht vertretbarer Hingabe an das Minigolfspiel" geschieden.
Unter www.minigolfsport.de finden sich Links zum Badischen Bahnengolf Sportverband Viernheim, zum Hessischen Bahnengolf-Sportverband und zum Minigolfsportverband Rheinland-Pfalz.


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